Dario Amodei im Weißen Haus, Sam Altman im New Yorker, Europa am Schreibtisch. Eine Woche, in der das Valley wieder einmal zeigt, wie man Problem, Lösung und Einladungskarte in einem sein kann.
Am Freitagnachmittag ging Dario Amodei in Washington unter dem Portikus des Weißen Hauses hindurch und wurde in den Westflügel geführt. Termin bei Susie Wiles, der Stabschefin des Präsidenten. Sechs Wochen zuvor hatte das Verteidigungsministerium seine Firma auf eine Liste gesetzt, auf der auch Huawei steht: Risiko in der Lieferkette. Eine Bundesrichterin nannte das Ende März eine klassische Vergeltungsmaßnahme. Nun gab es Kaffee.
Amerika ist, bei aller Kritik, ein Land der kurzen Wege.
Man klagt gegen das eine Ministerium und wird in derselben Regierung eine Straße weiter empfangen. In San Francisco nennt man das vielleicht Resilienz. In Washington heißt es: zwei Apparate, zwei Interessen, ein gemeinsames Unbehagen. Beide wissen, dass es ohne Anthropic — derzeit jedenfalls — nicht geht. Der Grund trägt einen Namen: Mythos.
Mythos klingt nach Wochenendseminar mit Räucherstäbchen, ist aber Anthropics internes Spitzenmodell: eine Stufe über dem neuen Opus 4.7, nur einem engen Kreis zugänglich. Eine Art Opus über Opus also. Auch Produktnamen skalieren. Vergangene Woche führte die Firma im Projekt „Glasswing” vor, was Mythos kann. Das Modell fand eine Schwachstelle in OpenBSD, die 27 Jahre lang unentdeckt geblieben war; OpenBSD läuft in mehreren amerikanischen Bundesbehörden. Menschliche Experten hatten sie in dieser Zeit nicht erkannt. Mythos brauchte Tage.
Das Pentagon schweigt dazu. In Washington ist das manchmal die genauere Pressemitteilung.
Hübsch ist auch der Umgang mit dem eigenen Sicherheitsmaßstab. Das neue Opus 4.7, seit dieser Woche die aktuelle Version, löst 96 Prozent der Aufgaben auf Anthropics Cybench-Parcours; Mythos, die interne Stufe darüber, schafft laut britischer Prüfinstanz drei von zehn Durchgängen in einem schärferen Testfeld. Die Öffentlichkeit wird damit beruhigt, dass Opus 4.7 „unter Mythos” liege. Die interne Version dient der aktuellen als moralischer Puffer. Man hängt die Messlatte dorthin, wo kaum jemand hinschauen darf, und nennt das Verantwortung.
Das hat handwerkliche Qualität.
Der andere Chef
Während Amodei seinen Westflügelkaffee bekam, warf in San Francisco ein vermummter Mann einen Molotowcocktail gegen das eiserne Tor von Sam Altmans Haus. Der mutmaßliche Täter, ein Zwanzigjähriger aus Spring in Texas, führte Aufzeichnungen über das „Risiko für die Menschheit” und eine Liste mit Adressen weiterer Vorstände. Das ist nicht komisch. Es gehört nur inzwischen zur Branche, dass das Risiko der Menschheit gelegentlich am Gartentor klingelt.
Das Valley hat für fast alles eine Sprache: Alignment, Frontier Models, Compute, Moat, Existential Risk. Für diesen Moment noch nicht. Vielleicht „Frontier Ambience”.
Ronan Farrow veröffentlichte unlängst im New Yorker ein Porträt, das Altman nicht schonte. Am Freitag saß Altman beim Portal „The Verge” im Podcast; der Titel bestand aus drei Wörtern: Vertrauen, Lügner, KI-Branche. Der Algorithmus hätte es nicht knapper taggen können.
Amodei spricht wenig, zeigt Modelle, streitet mit dem Pentagon und bekommt Kaffee. Altman spricht viel, verspricht Zukunft, streitet öffentlich mit niemandem und muss sich fragen lassen, warum Partner, Investoren und frühere Mitarbeiter ihm nicht mehr sofort glauben. Wer allerdings meint, das sei eine Frage der Charaktere, hat Kapital noch nie bei der Arbeit zugesehen.
Anthropic wächst mit Amazon-Geld und Amazon-Infrastruktur. OpenAI finanziert seinen Hunger nach Strom, Chips und Zukunft mit Microsoft-Milliarden, Partnerverträgen mit Nvidia, politischen Zusagen und Versprechen, deren Zeitplan freundlich mitwandert. Demokratisierung heißt hier: Jemand anderes zahlt die Stromrechnung.
Wer so viel Zukunft auf Pump bestellt, steht irgendwann vor einem Reporter, der nicht nur nickt. Farrow kann rechnen.
Der leere Stuhl
Und Europa? Europa saß nicht im Raum. Es saß, pflichtbewusst, an einem Schreibtisch.
In Brüssel bereitet man die dritte Umsetzungsstufe des KI-Gesetzes vor, in Paris tagt ein neuer Industrieausschuss zur Rechenleistung, in Berlin arbeitet die Bundesregierung an einer Datenstrategie. Das sind Meldungen, die sachlich stimmen und trotzdem klingen, als sei irgendwo ein Faxgerät wieder angesprungen. Zur selben Zeit hielten Anthropic, Apple und Microsoft einen informellen Gipfel zur Abwehr dessen ab, was sie „Superhacking” nennen. Europäische Regierungen waren nicht eingeladen.
Der Begriff „Superhacking” klingt wie ein Samstagmorgen-Cartoon für Verteidigungspolitiker. Leider war es die Arbeitsvokabel der Woche.
Die historische Parallele heißt COCOM; wer dabei nicht sofort an verstaubte Exportkontrollen denkt, hatte vermutlich eine bessere Jugend. Damals regelten Listen, welche amerikanischen Hochtechnologien europäische Partner bekamen. Heute liegt der Nachfolger solcher Listen eher in einer Geheimhaltungsvereinbarung zwischen amerikanischen Firmen und dem Weißen Haus. Die eine Seite weiß Bescheid. Die andere schreibt Vermerke.
Lehrreich ist die neue Ausweichformel der europäischen Tech-Lobby. Man werde, hört man nun häufiger, eben „die ethische Schiene” besetzen. Das ist ein hübsches Bild, schon weil Schienen dort liegen, wo der Zug nicht frei entscheiden muss. Ethik als Anlagewert. Wer nicht die stärksten Modelle baut, exportiert künftig die saubersten Bedenken.
Auch ein Geschäftsmodell.
Ein französischer Diplomat sagte in Brüssel, Europa dürfe nicht „zum Kunden seiner eigenen Ideen” werden. Ein guter Satz. Er trifft die Lage. Dass er in Brüssel gesagt wurde, mindert nur seine Geschwindigkeit.
In San Francisco ist es inzwischen später Nachmittag. Amodei dürfte wieder im Flugzeug sitzen, über einem Land, das seine Firma zugleich braucht und sanktioniert. In Brüssel geht man gegen neun Uhr abends nach Hause, mit einem Entwurf im Aktenkoffer, der bis Dienstag zwischen den Ressorts abgestimmt werden muss.
Im Valley nennt man das Time to Market. In Europa heißt es: Montag wieder.
Bleiben Sie unberechenbar.
Ihr Marcus Schuler, San Francisco