Meine Woche im Valley

Kaffee im Westflügel

Dario Amodei hat einen Termin im Weißen Haus, Sam Altman einen New-Yorker-Text, Europa ein Strategiepapier. Eine Woche, die das Valley neu sortiert.

Am Freitagnachmittag läuft Dario Amodei in Washington unter den Säulen des Portikus hindurch und lässt sich in den Westflügel führen. Termin bei Susie Wiles, Stabschefin des Präsidenten. Sechs Wochen zuvor hatte das Verteidigungsministerium seine Firma auf dieselbe Liste gesetzt wie Huawei, als „Risiko in der Lieferkette”. Eine Bundesrichterin in San Francisco nannte das Vorgehen Ende März eine „klassische Vergeltung nach dem Ersten Verfassungszusatz”. Das Berufungsgericht in Washington widersprach Anfang April; die Einstufung blieb. Und trotzdem bekommt der Gegner in derselben Regierung jetzt Kaffee.

Das ist der merkwürdige Zustand, in dem sich das Valley gerade befindet. Man prozessiert gegen ein Ministerium und wird zur selben Zeit im Amtssitz eine Straße weiter empfangen. Im Silicon Valley heißt so etwas „mehrere Einnahmequellen”. In Washington heißt es: zwei Apparate, zwei Interessen. Beide wissen, dass es ohne Anthropic inzwischen nicht mehr recht geht. Der Grund dafür trägt einen Namen: Mythos.

Mythos ist Anthropics internes Spitzenmodell, eine Stufe über dem aktuellen Opus und bisher nur einem engen Kreis zugänglich. Auf der Zugangsliste stehen das britische AI Security Institute, amerikanische Sicherheitsbehörden und ein paar Dutzend externe Prüfer. Auf einen öffentlichen Start hat Anthropic bewusst verzichtet, weil Mythos in Cyber-Parcours Aufgaben löst, an denen geübte Angreifer scheitern. Zu Wochenbeginn führte die Firma im Rahmen ihres Projekts „Glasswing” erstmals öffentlich vor, was das Modell kann: Es fand eine Schwachstelle, die 27 Jahre lang in OpenBSD steckte, einer Standardsoftware mehrerer amerikanischer Bundesbehörden. Menschliche Experten hatten sie in dieser Zeit nicht erkannt. Mythos brauchte Tage. Dass seither in Fachkreisen über wenig anderes gesprochen wird, hat weniger mit der technischen Sensation zu tun als mit der politischen Frage: Wer darf dieses Modell nutzen, und wer nicht?

Am Mittwoch ließ das Haushaltsbüro des Weißen Hauses wissen, dass Finanz-, Außen-, Justiz-, Heimatschutz- und Handelsministerium sowie die Cybersicherheitsbehörde CISA „in den kommenden Wochen” Mythos-Zugang erhalten sollen. Das Pentagon schweigt dazu.

Eine Woche, drei Durchbrüche

Der Kalender von Anthropic liest sich wie eine Choreographie. Donnerstagmorgen: das neue Modell Opus 4.7. Benchmarks, die sich vorzeigen lassen, 87,6 Prozent auf SWE-Bench Verified, beim anspruchsvolleren SWE-Bench Pro ein Sprung um 10,9 Punkte auf 64,3. Donnerstagnachmittag: „Claude Design”, ein Dienst, der aus Textanweisungen Prototypen, Präsentationen und Markendesigns ausspuckt, mit Opus 4.7 als Motor. Die Aktien von Adobe, Wix und Figma fielen am selben Tag um jeweils mehr als 2 Prozent. Freitag: der Westflügel. Man könnte den Eindruck bekommen, dass in San Francisco jemand einen Kalender führt, der lange vor dem Pressestatement fertig war.

Der Preis für Opus 4.7 blieb derselbe. Fünf Dollar für eine Million Eingabe-Tokens, fünfundzwanzig für die Ausgabe. Gemini 3.1 Pro liefert ähnliche Leistung für zwei und zwölf Dollar, also für knapp die Hälfte. Anthropic verkauft trotzdem, weil der Markt den Aufschlag zahlt, solange die Benchmarks oben stehen. Wer sich in San Francisco dieser Tage als Entwickler bewirbt, sollte vorher wissen, ob sein künftiger Arbeitgeber Anthropic-Abonnent oder Google-Kunde ist. Der Unterschied zeigt sich nicht im Code, sondern in der Bilanz.

Besonders hübsch ist der Umgang mit dem hauseigenen Sicherheitsmaßstab. Anthropic prüft die eigenen Modelle an einem Parcours namens „Cybench”, und Opus 4.7 löst dort 96 Prozent der Aufgaben im ersten Versuch. Das stärkere, nicht veröffentlichte Mythos schafft laut britischem AI Security Institute drei von zehn Durchgängen auf einem zweiten, schärferen Testfeld. Die Öffentlichkeit wird nun damit beruhigt, dass Opus „unter Mythos” liege. Die nicht käufliche Version dient der käuflichen als moralische Obergrenze. Man definiert die Messlatte nach oben und vermeidet so, daran aufzufallen. Das hat handwerkliche Qualität.

Der andere Chef

Während Amodei seinen Westflügeltermin vorbereitete, warf in der Nacht zum vergangenen Freitag ein vermummter Mann einen Molotowcocktail gegen das eiserne Tor von Sam Altmans Haus in San Francisco im noblen Viertel Russian Hill. Die Sicherheitsleute löschten das Feuer, noch bevor die Feuerwehr eintraf. Altman blieb unverletzt. Der Täter, ein Zwanzigjähriger aus Spring in Texas, wurde kurze Zeit später gefasst. In seinen Unterlagen fanden die Ermittler eine Liste mit Namen und Privatadressen weiterer Vorstände, Aufsichtsräte und Investoren der KI-Industrie, dazu Aufzeichnungen zum „Risiko für die Menschheit” und zur „drohenden Auslöschung”. Ein Satz aus den Papieren steht in der Anklageschrift: Wer andere dazu aufrufe zu töten, müsse mit gutem Beispiel vorangehen. Am Sonntag danach fielen vor der OpenAI-Zentrale in der Third Street noch einmal Schüsse, offenbar in unabhängigem Zusammenhang.

Die Auseinandersetzung um diese Branche hat eine physische Dimension bekommen. Das Valley hat dafür noch keine Sprache gefunden. OpenAI ließ eine knappe Sicherheitserklärung veröffentlichen, Altman selbst hat sich zu dem Vorfall bislang nicht geäußert. In den nächsten Wochen wird die Episode in den Risikoabschnitt des Börsenprospekts einsortiert, ordentlich abgestuft nach den üblichen Klassen. So geht Börsengang mit Gegenwind.

Dann kamen die Artikel. Das „Wall Street Journal” meldete, wie weit die Vorbereitungen zum Börsengang von OpenAI gediehen seien, und zitierte interne Stimmen, denen der Mix aus Kapitalbedarf, Produktversprechen und persönlicher Vermarktung inzwischen unheimlich werde. Der Journalist Ronan Farrow, der schon Harvey Weinstein zu Fall brachte und seit Monaten im OpenAI-Milieu recherchiert, hatte vor zwei Wochen im „New Yorker” ein Porträt über Altman vorgelegt, das über viele Seiten ging und wenig Nebel ließ. Das Echo holt Altman jetzt ein. An diesem Freitag sitzt Farrow beim Portal „The Verge” im Podcast; die Überschrift der Folge besteht aus drei Wörtern: „Trust. Liar. AI Industry.” Kein Kommentar nötig.

Altman bleibt der beste Verkäufer seiner Branche. Er wird vor dem IPO noch Reden halten, Interviews geben und Zusagen machen, von denen sich vermutlich ein Teil erfüllen wird. Die spannendere Frage ist, wie sich der Gegensatz auszahlt, der jetzt so deutlich wurde: Amodei sagt wenig, zeigt Produkte, streitet mit dem Pentagon und bekommt dafür Zugang zum Westflügel. Altman sagt viel, zeigt Vision, streitet öffentlich mit niemandem und muss sich fragen lassen, warum Partner, Investoren und Ex-Mitarbeiter ihm nicht mehr sofort glauben.

Wer allerdings meint, das sei eine Frage der Charaktere, unterschätzt das Kapital. Anthropic ist schlanker aufgestellt, technisch wie personell, und stemmt seine Rechenzentren aus einer übersichtlichen Partnerschaft mit Amazon. OpenAI braucht Geld in Größenordnungen, die selbst amerikanische Maßstäbe strapazieren, und finanziert diesen Bedarf durch eine Kaskade aus Microsoft-Mitteln, Staatsanleihen, Bürgschaften, Partnerverträgen mit Nvidia und Versprechungen, deren Zeitrahmen laufend verschoben werden. Wer so viel verspricht, steht irgendwann vor dem ersten Reporter, der rechnen kann. Farrow kann rechnen.

Die stille Verschiebung ist die eigentliche Neuigkeit. Vor einem Jahr war Altman die Leitfigur, an der sich die Branche ausrichten musste. Heute ist er die Figur, die sich ausrichten muss. Das Valley hat es bemerkt, lange bevor es auf den Titelseiten stand. In den Fonds, denen man an der Sand Hill Road begegnet, redet man über Anthropic ernst. Über OpenAI redet man, als müsse danach jemand den Raum verlassen.

Der leere Stuhl

Und Europa? In Brüssel bereitet man die dritte Umsetzungsstufe des KI-Gesetzes vor. In Paris tagt ein neu gegründeter Industrieausschuss zur Rechenleistung. In Berlin arbeitet die Bundesregierung an einer Datenstrategie. Das sind Nachrichten, die man hören kann, ohne dass dabei viel geschieht. Gleichzeitig hielten Anthropic, Apple und Microsoft einen informellen Gipfel zur Abwehr dessen ab, was sie Superhacking nennen: Angriffe, bei denen ein einziges KI-Modell binnen Stunden in kritische Infrastruktur vordringt. „Politico” berichtete aus Brüssel, dass europäische Regierungen nicht eingeladen waren. Man werde „zu einem späteren Zeitpunkt” konsultiert, hieß es aus Washington. Welche Stunde das sei, sagte niemand.

Die historische Parallele liegt nicht weit. Während des Kalten Krieges regelte die COCOM-Liste, welche amerikanischen Hochtechnologien europäische Partner bekamen und welche nicht. Heute steht die Liste nicht mehr im Commerce Department, sondern in einer Geheimhaltungsvereinbarung zwischen drei kalifornischen Firmen und dem Weißen Haus. Sicherheitsgemeinschaft heißt in dieser Lesart: Die eine Seite weiß, die andere schreibt Memoranden.

Der europäische Weg, so wirkt es, besteht nun darin, die eigene Ohnmacht in ordentlichen Dokumenten zu verwalten. Der AI-Act tritt in Stufen in Kraft, die nächste im Herbst. Der europäische Cyberzertifizierungsrahmen wird überarbeitet. Die Digitalministerien schreiben Memoranden. Es fehlt selten an Sprache. Es fehlt allerdings an Rechenzentren, Kapital und Personal. Drei Dinge, die durch Regulierung bisher nirgendwo entstanden sind.

Besonders lehrreich ist die neue Ausweichformel der europäischen Tech-Lobby. Man werde, hört man jetzt häufiger, dafür „die ethische Schiene” besetzen. Ethik als Anlagewert. Die Firma, die nicht die besten Modelle baut, soll künftig die besten Regeln haben. Auch ein Geschäftsmodell. Ob die Amerikaner es kaufen, hängt davon ab, ob sie sich irgendwann gezwungen sehen, ihre Modelle von europäischen Prüfern zertifizieren zu lassen. Im Moment sehen sie sich zu nichts gezwungen.

Ein französischer Diplomat sagte in Brüssel, Europa dürfe nicht „zum Kunden seiner eigenen Ideen” werden. Das ist ein hübscher Satz. Er trifft nur leider die Lage.

Die drei Schreibtische

Am Ende dieser Woche drei Schreibtische. Auf dem einen: ein Besuchstermin im Westflügel und ein Urteil, das sich juristisch auseinandernehmen lässt, während in der Kaffeeküche schon das nächste Produkt vorbereitet wird. Auf dem zweiten: ein Börsenprospekt, dessen Risikoabschnitt mit jedem New-Yorker-Text länger wird. Auf dem dritten: der Entwurf eines Strategiepapiers zur „ethischen KI-Governance”, mit Verweis auf Absatz 12 der Dienstanweisung.

Anthropic reist mit drei Durchbrüchen in die Frühjahrskonferenzen. Altman mit längeren Telefonaten seiner PR-Berater. Europa mit einem Memorandum, das sich gut liest. Wer schnell genug liest, bemerkt, dass die wichtigen Entscheidungen bereits an den ersten beiden Schreibtischen gefallen sind.

In San Francisco ist es jetzt später Nachmittag. Amodei dürfte schon wieder im Flugzeug sitzen, über einem Land, das seine Firma zugleich braucht und sanktioniert. Altman sitzt irgendwo in einem Investorentelefonat. Und in Brüssel geht man gegen neun Uhr abends nach Hause, mit einem Entwurf im Aktenkoffer, der bis Dienstag ressortabgestimmt werden muss.


Bleiben Sie unberechenbar.

Ihr Marcus Schuler, San Francisco