Meine Woche im Valley

Die gekaufte Bühne

OpenAI erwirbt eine Technologiesendung, Anthropic verschickt versehentlich den Bauplan seines Programmierwerkzeugs, und dreißig Ingenieure in San Francisco zeigen, wie billig Öffentlichkeit inzwischen sein kann.

70.000 Zuschauer. So viele sehen im Schnitt die tägliche Technologie-Gesprächsrunde TBPN, live auf X, der Plattform, die früher Twitter hieß und heute klingt wie ein Platzhalter für schlechte Laune. OpenAI hat die Sendung in dieser Woche gekauft. Die eigene Bewertung: 852 Milliarden Dollar, wenige Tage nach einer Kapitalrunde über 122 Milliarden. Man erwarb also ein Format mit der Reichweite einer gut besuchten Regionalmesse und nannte das Strategie.

Zur Beruhigung der Öffentlichkeit veröffentlichten Käufer und Gekaufte ein Dokument mit dem Titel „Editorial Independence Covenant”. Das klingt, als hätten Vertragsanwälte aus Palo Alto versucht, Pressefreiheit als Service-Level-Agreement nachzubauen. Die elf Mitarbeiter der Sendung berichten künftig an Chris Lehane, den obersten Kommunikationsstrategen von OpenAI. Nicht an eine Redaktion. An die Außendarstellung.

Das ist ein Unterschied, falls man auf Unterschiede noch Wert legt.

Der wichtigste Stammgast war bisher Sam Altman. Man kaufte also ein Programm, in dem regelmäßig der eigene Chef interviewt wurde, und nannte das Ergebnis journalistische Unabhängigkeit. A. J. Liebling schrieb 1960, Pressefreiheit sei das Vorrecht derer, die eine Druckerpresse besäßen. Im Valley genügt inzwischen ein Übernahmevertrag.

TBPN erwirtschaftete 2025 rund 5 Millionen Dollar mit Werbung; für 2026 waren 30 Millionen prognostiziert. Unter den Werbekunden war ausgerechnet Google Gemini, Altmans Konkurrent. OpenAI strich sämtliche Anzeigenverträge. Wer auf diese Weise Geld liegenlässt, kauft keine Erlöse.

Er kauft Ruhe.

Die meisten konzerneigenen Medienformate sterben nicht an einem großen Skandal. Sie sterben höflich. Ein Gast weniger, eine Nachfrage später, ein Thema vorsichtiger. Am Ende steht noch immer „unabhängig” im Dokument. Nur der Satzbau hat sich verändert.

Anthropics Tag der offenen Tür

Während OpenAI sich eine Bühne kaufte, öffnete Anthropic eine Tür, die vermutlich geschlossen bleiben sollte.

Am Dienstag verschickte das Unternehmen eine neue Fassung seines Programmierwerkzeugs Claude Code über npm, den Paketdienst der Softwarewelt. Im Gepäck: eine 59,8 Megabyte große Datei mit 512.000 Zeilen Quelltext, der vollständige Bauplan des Produkts. Es war, als legte ein Autohersteller die Konstruktionszeichnungen in jedes Handschuhfach. Derselbe Fehler war 13 Monate zuvor schon einmal passiert. Einmal ist ein Versehen. Zweimal ist ein Arbeitsablauf.

Anthropics Rechtsabteilung reichte daraufhin eine Urheberrechtsbeschwerde bei GitHub ein. Das war nicht falsch, nur spät. Ein Entwickler in Südkorea hatte den Quelltext über Nacht in eine andere Programmiersprache übertragen und unter dem Namen „claw-code” veröffentlicht. 100.000 Sterne in 24 Stunden, der schnellste Aufstieg in der Geschichte der Plattform. Der Bauplan liegt nun auf Servern, deren Betreiber öffentlich erklären, keine Löschanfragen zu bearbeiten.

Auch das ist eine Form von Verfügbarkeit.

Unter den 44 verborgenen Funktionen im Quelltext fand sich ein Tarnmodus: eine Anweisung an die KI, bei Beiträgen zu fremden Programmierprojekten jeden Hinweis auf ihre eigene Beteiligung zu entfernen. Die Firma, die verantwortungsvolle KI zum Gründungsprinzip erhoben hat, hatte ein System gebaut, mit dem die Arbeit ihrer Maschine unsichtbar werden sollte. Dass ausgerechnet ein Verpackungsfehler das ans Licht brachte, besitzt eine gewisse pädagogische Eleganz.

Man lernt ja nie aus.

Dreißig Leute, vierhundert Milliarden Parameter

Während die großen Konzerne Bühnen kauften und Baupläne verloren, zeigte eine Firma mit dreißig Mitarbeitern, dass man manchmal gar keine Kulisse braucht.

Arcee AI, Sitz San Francisco, veröffentlichte ein quelloffenes Sprachmodell mit 400 Milliarden Parametern. Der Preis: 90 Cent pro Million verarbeiteter Texteinheiten. Bei Anthropics bestem Modell kostet dieselbe Menge 25 Dollar. In Leistungstests lag Arcees Modell nur zwei Punkte hinter dem Marktführer. Das muss nicht bedeuten, dass die ganze Branche falsch rechnet. Es deutet nur an, dass einige sehr große Rechnungen vielleicht mehr erklären als die Technik.

OpenAI kauft sein Publikum. Anthropic sucht seinen Quelltext. Arcee stellt den eigenen ins Netz.

So kann man die Woche auch erzählen.

Natürlich ist Open Source keine Erlösung, schon gar nicht im Valley, wo selbst Altruismus gelegentlich eine Preisliste bekommt. Aber der Kontrast ist hübsch. Auf der einen Seite Konzerne, die Kontrolle als Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Auf der anderen Seite eine kleine Firma, die den Code freigibt und damit mehr Aufmerksamkeit bekommt, als manche Kommunikationsabteilung in einem Quartal zusammenmoderiert.

Die Bühne war kurz unbesetzt. Jemand ist einfach hinaufgegangen.

Fünfzig Jahre ohne Antwort

Apple wurde in dieser Woche fünfzig. Vier Billionen Dollar Börsenwert, Rekordquartal, eine Produktpipeline vom faltbaren Telefon bis zum hauseigenen Funkmodem. Was fehlt, ist ausgerechnet das, worüber alle sprechen: eine eigene Hochleistungs-KI.

Apple hat Siri. Apple hat Ankündigungen. Apple hat die Aussicht in Aussicht gestellt, seine Sprachassistentin für Modelle der Konkurrenz zu öffnen. Das ist für ein halbes Jahrhundert Firmengeschichte keine schlechte Bilanz. Sie trägt nur nicht sehr weit in die nächste.

Siri ist inzwischen weniger Assistentin als Geduldsprobe mit Mikrofon. Man fragt nach dem Wetter und bekommt das Gefühl, mit einem Gerät zu sprechen, das noch überlegt, ob Sprache wirklich seine Aufgabe ist. Bei Apple nennt man das vermutlich Zurückhaltung. In Cupertino war Zurückhaltung lange eine Tugend. In der KI-Branche wirkt sie inzwischen wie ein Ladebalken.

Man kann Apple zugutehalten, dass nicht jede Mode sofort nachgebaut werden muss. Der Konzern hat oft spät betreten, was andere früh beschädigt hatten. Nur besteht zwischen Abwarten und Abgehängtwerden ein Unterschied, den selbst ein besonders elegantes Gehäuse nicht überbrückt.

Auch Design hat Grenzen.

Maine nahm die Woche weniger ästhetisch zur Kenntnis. Als erster amerikanischer Bundesstaat beschloss das Parlament, neue Rechenzentren vorerst nicht mehr zu genehmigen. Die Stromkosten waren zuvor um 10,6 Prozent gestiegen, der schärfste Anstieg im Land. Die bisher greifbarste Form des Widerstands gegen künstliche Intelligenz besteht also nicht in Manifesten, Anhörungen oder Ethikräten.

Sie besteht darin, den Stecker gar nicht erst einzustecken.

Das ist grob, aber verständlich. Die Branche spricht gern über Intelligenz, Modelle und Zukunft. Maine spricht über Stromrechnungen. Es ist die ältere Sprache. Sie hat den Vorteil, dass sie am Monatsende kommt.

Das Publikum

Am Ende der Woche bleibt eine einfache Rechnung. OpenAI kaufte sich 70.000 Zuschauer. Ein einzelner Beitrag auf X, der auf Anthropics versehentlich veröffentlichten Quelltext verwies, erreichte 21 Millionen Abrufe.

Man kann einwenden, das sei keine faire Gegenüberstellung. Aufmerksamkeit ist nicht Zustimmung, ein Datenleck kein Format, Schadenfreude keine Medienstrategie. Das stimmt alles. Es erklärt nur nicht, warum die Rechnung trotzdem hängenbleibt.

Die Bühne kann man kaufen. Das Publikum nicht. Es kommt, wenn etwas passiert, und besonders zuverlässig, wenn etwas umfällt, das vorher sehr teuer beleuchtet wurde.


Bleiben Sie unberechenbar.

Ihr Marcus Schuler, San Francisco