Meine Woche im Valley

Das blaue M&M

Meta muss sechs Millionen zahlen, weil eine Plattform Kinder nicht schützt. Anthropic riskiert beinahe alles, weil es welche schützen will. Verantwortung heißt im Valley und in Washington inzwischen das Gegenteil voneinander.

Ein texanischer Anwalt hält ein Glas M&Ms in die Höhe. Jedes Bonbon, erklärt er den Geschworenen, stehe für eine Milliarde Dollar Unternehmenswert. So viel sei Meta wert. Dann greift er hinein, Handvoll um Handvoll. Merken Sie einen Unterschied? Am Ende zerbeißt er ein einzelnes blaues M&M. Das hier, sagt Mark Lanier, seien ungefähr 200 Millionen Dollar. Die wollten den Schmerz nicht spüren.

Die Jury in Los Angeles sprach Meta und YouTube schuldig: fehlerhafte Konstruktion, Fahrlässigkeit, Schädigung einer Minderjährigen. Strafe: sechs Millionen Dollar. Für Meta weniger als eine unschöne Umbauphase in Menlo Park. Um die Summe geht es aber auch nicht. Eine Jury hat Instagram und YouTube erstmals wie fehlerhafte Produkte behandelt. Nicht wie Medien. Wie Erzeugnisse, die nach demselben Recht beurteilt werden wie ein Toaster, der Funken schlägt, oder eine Bremsanlage, die das Bremsen eher als Anregung versteht.

Paragraf 230 schützte die Plattformen bislang wie einen Durchleiter fremder Inhalte. Gewaltige Reichweite, begrenzte Verantwortung. Lange die angenehmste aller Rechtsideen.

Sie bekommt gerade Risse.

Die Klägerin hatte Instagram mit neun Jahren genutzt. Offizielles Mindestalter: 13. In internen Meta-Unterlagen stand sinngemäß, wer bei Jugendlichen groß gewinnen wolle, müsse sie schon vorher an sich binden. Elfjährige kehrten viermal häufiger zu Instagram zurück als Nutzer anderer Plattformen. Man muss solche Zahlen nicht kommentieren. Sie sind höflich genug, das selbst zu übernehmen.

Zuckerberg wurde im Zeugenstand gefragt, warum ein Kind unter 13 Jahren so zwanghaft habe posten können. Seine Antwort sinngemäß: Wenn Menschen dort keine gute Erfahrung machten, warum kämen sie dann immer wieder zurück? Der Satz gehört ins Museum amerikanischer Ausweichkünste.

Hinter der Klägerin stehen rund 2000 weitere Klagen; acht davon kommen noch in diesem Jahr vor Geschworene. In New Mexico verurteilte eine Jury Meta einen Tag zuvor zu 375 Millionen Dollar, weil der Konzern Kinder nicht vor Pädophilen geschützt habe. Das war dann schon etwas mehr als Blumengeld.

Wenn Vorsicht verdächtig wird

Sechshundert Kilometer nördlich befasste sich in derselben Woche eine andere Richterin mit einer anderen Spielart von Verantwortung. Dort war nicht zu wenig das Problem. Dort war zu viel das Problem.

Anthropic hatte bei Vertragsverhandlungen mit dem Pentagon Bedingungen gestellt: Claude solle weder zur Massenüberwachung amerikanischer Bürger noch für autonome Waffen eingesetzt werden. Verteidigungsminister Pete Hegseth reagierte auf seine Weise. Er erklärte Anthropic zum „Risiko in der Lieferkette”. Dieses Etikett ist gewöhnlich Firmen vorbehalten, bei denen Washington Verbindungen zur chinesischen Volksbefreiungsarmee vermutet.

Richterin Rita Lin nannte das in ihrem 43 Seiten langen Urteil orwellianisch. Anthropic werde dafür bestraft, der Regierung öffentlich widersprochen zu haben. Ein Satz für die Geschichtsbücher. Also vermutlich keiner für die Gegenwart.

Das Pentagon hatte argumentiert, Anthropic könne seine Programme im Krisenfall abschalten und sei deshalb ein Sicherheitsrisiko. Der Anwalt des Unternehmens entgegnete, Anthropic habe keinerlei Möglichkeit, ein ausgeliefertes Modell abzuschalten, zu verändern oder auch nur zu sehen, wie es eingesetzt werde. Emil Michael, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, nannte das Urteil auf X eine Schande und sprach von Dutzenden Fehlern. Welche, sagte er nicht.

Das ist inzwischen eine durchaus verbreitete Darstellungsform in Washington.

Das zerbröselte Bonbon

In Los Angeles kostete das Fehlen von Verantwortung in dieser Woche sechs Millionen Dollar. In San Francisco kostete ihr Vorhandensein beinahe ein Unternehmen.

Man kann einwenden, Gerichte und Ministerien seien verschiedene Instrumente. Das stimmt. Nur ist es derselbe Begriff, und er bedeutet inzwischen zwei entgegengesetzte Dinge. Im Valley nennt man Verantwortung einen Wert. In Washington ist sie, jedenfalls solange sie den Falschen einfällt, ein Risiko.

Auf dem Tisch des texanischen Anwalts liegt noch immer das zerbröselte blaue M&M. Vielleicht braucht er bald ein größeres Glas.


Bleiben Sie unberechenbar.

Ihr Marcus Schuler, San Francisco