Der Streit um die redaktionelle Unabhängigkeit des wichtigsten Tech-Blogs der USA nimmt immer groteskere Züge an. Jetzt hat Michael Arrington, Gründer und Chefredakteur von TechCrunch, Neu-Eigentümer AOL ein Ultimatum gestellt.
Die Kritiken der TechCrunch-Redakteure entscheiden oftmals über Millionen-Beträge und das Wohl und Wehe manch einer Geschäftsidee im Silicon Valley. Fällt das Urteil von TechCrunch über ein Start Up und dessen Idee positiv aus, sitzt das Geld beim Investor natürlich lockerer als bei einem Verriss. TechCrunch-Artikel sind bisweilen polemisch, aber in der Regel gehören sie mit zum Besten, was die Tech-Journaille im Valley zu bieten hat.
Michael Arrington und sein Star-Schreiber MG Siegler haben sich mit dem Dienst in den vergangenen sechs Jahren jedenfalls eine Reputation geschaffen, an die weder All Things Digital noch GigaOm heranreichen.
Damit man die ganze Schönheit dieser bizarren Geschichte in vollen Zügen geniessen kann, hier zunächst die wichtigsten Akteure:
Die Hauptdarsteller:
Arianna Huffington (61)
Ehemalige Besitzern und Gründerin der Huffington Post. Jetzt Oberaufseherin aller Blog-Beteiligungen von AOL. Angeblich soll sie für ihre Internetzeitung 315 Millionen Dollar von AOL bekommen haben. Sie spricht englisch mit leichtem Akzent. Ist gebürtige Griechin.
Tim Armstrong
Chef von AOL. Er war mit daran beteiligt, den ehemaligen Internet-Provider zu einer Content-Firma umzubauen. Ein Blog nach dem anderen hat er in den vergangenen Jahren aufgekauft. Ein Höhepunkt – neben der Übernahme der Huffington Post – der Kauf von TechCrunch. Preis: Angeblich 25 Millionen Dollar.
Michael Arrington (41)
Noch Chefredakteur von TechCrunch. Erfinder und Gründer des Blogs. Neben Journalismus, geschliffenen, oft auch bösen und zynischen Texten, die meist jedoch den Punkt treffen, gilt sein Interesse dem Investment in Start Up Ideen. Oft hat man den Eindruck: Arrington will eigentlich gar kein Schreiber sein, sondern lieber Unternehmer. Er ist ein Arbeitstier, oft schläft er an der Tastatur ein und arbeitet bis zur Erschöpfung. Wenn er einmal an einer Geschichte dran ist, gibt er so schnell nicht auf.
MG Siegler aka “ParisLemon”
Er ist die Edelfeder von TechCrunch. Seine Bildsprache sitzt, er ist schnell, klug und hat Wortwitz. MG ist bekennender Apple-Fan. Auf Twitter trägt er den stylishen Namen “ParisLemon”. Sein Problem: Er verehrt Arrington bedingungslos. In unserem Drama nimmt er dennoch nur eine Statistenrolle ein.
Das Drama beginnt am Donnerstag vergangener Woche. An diesem Tag nehmen die Irrungen und Wirrungen um Michael Arrington und das meistgelesene Tech-Blog der Welt ihren Lauf.
Eine Chronologie in (bislang) 5 Aufzügen
1. Aufzug
Michael Arrington betritt die Bühne und gibt bekannt, dass er einen Fonds auflegen will. Name: CrunchFund. Sein Ziel: Geld in neue Start Ups im Silicon Valley zu investieren. Das Problem: Arrington ist Chefredakteur von TechCrunch. Die relativ überschaubare Welt zwischen San Francisco und Mountain View stellt sich die Frage: Wie kann Arrington Chefredakteur sein und zugleich in Start Ups investieren, über die seine Mitarbeiter vielleicht berichten sollen? Hallo? Interessenkonflikt?
2. Aufzug
Kurz darauf: Intervention von Arianna Huffington, ehemals Gründerin der zu viel gelobten “Internet-Zeitung” Huffington Post und jetzt Content-Chefin bei AOL und damit auch Oberaufseherin von TechCrunch, das AOL vor gut einem Jahr von Arrington für angeblich 25 Millionen Dollar abgekauft hatte. Sie verlangt von AOL-Boss Tim Armstrong, dass er Arrington sofort rausschmeißen möge. Der Grund: Vermischung von Interessen. Brutal!
3. Aufzug
Am Freitag denkt Tim Armstrong gar nicht daran, dem Rat seiner Content-Chefin zu folgen. Schließlich ist er ja CEO. Armstrong setzt offenbar noch eins drauf und bietet Arrington an, sich an seinem Fonds mit weiteren AOL-Millionen zu beteiligen. Außerdem soll Arrington nicht mehr als Chef von TechCrunch firmieren sondern unter das Dach der Beteiligungsgesellschaft von AOL schlüpfen. Clever!
4. Aufzug
Offenbar war dieses Angebot von Armstrong an Arrington nur eine ganz gemeine Finte, um Zeit zu gewinnen. Zugleich können wir am gestrigen Dienstag einen weinerlichen Kommentar vom ansonsten ober coolen MG Siegler lesen, der fein ziseliert und moralinsäuerlich darlegt, weshalb Arrington Chef von TechCrunch bleiben muss. Überhaupt: Wenn die York Times schreibe, dass hier eine Interessenverquickung vorliege, bäh, dann wisse sie gar nicht, wie bei TechCrunch gearbeitet werde. Überschrift seines Artikels: “Das TechCrunch, wie wir es kennen, könnte bald am Ende sein”. Die URL zur Story lautet: “The End”. Schnief.
5. Aufzug
Es kommt noch besser: Heute Nacht zeigte Arrington, was es heißt, wirklich Chuzpe zu haben. Er baute – natürlich nur bildlich gesprochen – ein komplettes Arsenal Waffen auf. Sagen wir mal: eine Trillion Maschinengewehre. Und alle sind sie gerichtet auf AOL und Tim Armstrong. Doof nur, dass er keinerlei Munition hat. Nicht eine Patrone. Noch doofer: Das weiß die ganze Welt und damit auch Tim Armstrong. Menno!
Das (vorläufige) Ultimatum:
Die knallharte Forderung von Arrington:
- Huffington soll die Oberaufsicht über TechCrunch entzogen werden
oder
- AOL verkauft das Blog wieder zurück an Arrington und die damaligen Mit-Eigentümer.
Eine andere Wahl will Arrington AOL nicht lassen.
Nun mag man denken, okay, Arrington kann vielleicht doch ein gewisses Droh-Potential aufbauen, in dem er die bisherigen TechCrunch Mitarbeiter einfach abwirbt und mit ihnen eine neue Website aufmacht. Sozusagen ein TechCrunch 2.0 nur natürlich unter anderem Namen…
Natürlich kennen wir nicht die Verträge, die AOL mit Arrington und möglichen Mitarbeitern von TechCrunch gemacht hat, als sie vor einem Jahr TechCrunch aufgekauft haben. Vermutlich werden sie aber so klug gewesen sein, entsprechende Wettbewerbsklauseln wie zum Beispiel einen Konkurrenzausschluss einzubauen.
Die Ironie der Geschichte: Angeblich soll Arrington schon mehrere Investoren im Silicon Valley angegangen haben, um Geld für den Freikauf von AOL zusammenzubekommen.
Das Drama geht in den nächsten Stunden und Tagen sicherlich weiter. Please, stay tuned! Das wird sicherlich noch super lustig!
Passt ja stilistisch perfekt zu TechCrunch ;)
Go Arrington Go!
Freu mich auf den 6. Akt
Was haben die von dem Verkauf erwartet? Das sie nur von oben beobachtet werden und wie im Streichelzoo nur Lob bekommen? Wenn man der Gier verfällt und sein Unternehmen verkauft dann muss man auch die Konsequenzen abwägen.
Wer das nicht kann, sollte keine Firma leiten.
Verstehe das nicht, der neue Eigentümer will doch seine Interessen durchsetzen, sonst hätte er ja nicht gekauft. Wäre ich der Eigentümer, ich würde bei so rum gezicke einfach mal die Keule der macht schwingen und den Leuten mitteilen, dass sie auch alle nach Hause gehen dürfen. Klar, das durchzuziehen würde das Produkt wahrscheinlich ruinieren, aber vielleicht würde es helfen den Leuten mal klar zu machen das sie das Ruder nicht mehr in der Hand haben und nicht vergessen lassen, dass sie es freiwillig abgegeben haben. Wegen der Gier.
Es spricht ja nichts dagegen zu verkaufen. Um abzukassieren. Aber man muss auch wissen was das für die Zukunft bedeutet.
@Martin Ganz ehrlich: Ich vermute, wir kennen bei dieser ganzen Geschichte nur etwa 50% der Wahrheit. Was da noch alles gelaufen ist, wer wann was wusste, da geht doch momentan alles durcheinander. Ich glaube, dass Arrington sich dieses Mal einfach verspekuliert hat und seine Rolle und seinen Namen schlicht überschätzt. Ich bin wirklich auf die kommenden Tage gespannt…
Danke erst einmal für die verständliche Zusammenfassung, ich hatte bisher nur Teile davon mitbekommen.
Ich will auch nicht wissen, was da hinter den Kulissen noch vorgeht bzw. vorging. Der Interessenkonflikt, dem Arrington unterliegt, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Auch der Wechsel innerhalb von AOL hätte das womöglich nicht geändert, da wäre die Nähe und Einfluss von Arrington m.E. Nicht ausgeschlossen. Die Forderung von Arrington ist lustig, wenn er keine Bilder von Armstrong mit Minderjährigen oder ähnliches hat und AOL nicht will, dann behalten die Techcrunch schlicht.
Man kann eben nicht immer alles im Leben haben und ein Portal wie Techcrunch, wie der Journalismus allgemein, sollte unabhängig sein und Interessenkonflikte vermeiden. Auch ein Techcrunch kann an Bedeutung verlieren, wenn es die Beteiligten überziehen. AOL sollte daher schnell für klare Verhältnisse sorgen und das Schauspiel beenden.
MG Siegler nur ein Statist? Ich fand sein Beitrag “TechCrunch As We Know It May Be Over” hat die ganze Situation erst zur Eskalation gebracht.
Die Krux an der Geschichte ist finde ich eher folgendes: AOL ist Hauptgeldgeber für den CrunchFund und Eigentümer von TechCrunch. Meint ihr nicht, dass es da so oder so zu Interessenkonflikten kommen wird, wenn TechCrunch eines der vom CrunchFund unterstützten StartUps basht? Diese Interessenkonflikt ist doch absolut unabhängig von Arrington. Würde er bleiben gäbe es wenigstens eine eindeutige Person, die solchen Druck von AOL auf die TC-Redakteure abschmettern oder eben zulassen würde (und ggf. seinen Hut nehmen müsste, wenn es rauskommt). Mir der aktuellen Hexenjagd schadet AOL TechCrunch und damit sich selbst.
@Malte Landwehr Ich sehe das wie Du. Ich glaube aber, die Rolle von MG Siegler wird überschätzt. Ihm geht es unter Arrington gut, er genießt dort offenbar absolute Freiheit. Das dürfte sich, sollte Arrington tatsächlich gehen oder gegangen werden, vermutlich ändern…
Mittlerweile bieten die Storys aus dem Valley genug Stoff für einen eigenen Kinofilm.
Ich sehe das wie Malte Landwehr. Sicher dürfte die Motivation von Siegler viel Eigenutz sein aber deswegen ist er kein Statist. Vielmehr könnte er symbolisch für die anderen TC Redakteure stehen. Auch ide haben ihre Freiheiten unter Arrington.
In den letzte Tagen gab es ja viel über TechCrunch zu lesen. Allerdings hatte ich da noch keinen Überblick über die komplette Thematik. Insofern bedanke ich mich recht herzlich für diese gelungene Zusammenfassung.