Der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt redet seinen Landsleuten ins Gewissen und kaum einer nimmt davon Kenntnis. Wenige Stunden nach seinem Podiumsgespräch auf der Dreamforce 2011 Konferenz in San Francisco zitieren verschiedene Online-Medien Schmidts Einlassungen zu den laufendenden Patentstreitigkeiten. Doch seine mahnenden Worte über den Zustand der amerikanischen Wirtschaft finden offenbar nur wenig Wiederhall.
In der großen Keynote-Halle des Moscone Centers mitten im Zentrum von San Francisco Platz ist für 15.000 Menschen Platz. Fast alle Stühle sind an diesem Nachmittag besetzt. Alle wollen Eric Schmidt reden hören. Aber hören sie ihm auch wirklich zu?
Riesige HD-Monitore hängen von den Decken herab - eine Lichttechnik kommt zum Einsatz, wie man sie sonst nur bei großen Pop-Konzerten findet. Ein Kamerakran fährt immer wieder über die Zuschauerköpfe hinweg.

Marc Benioff, Chef des Cloud Computing Anbieters Salesforce, lädt sich jedes Jahr zur unternehmenseigenen Dreamforce Konferenz prominente Gesprächspartner ein. Im vergangenen Jahr war es Bill Clinton, in diesem Jahr ist es der 56-jährige Schmidt.
Benioff, knapp zehn Jahre jünger als Schmidt, deutlich korpulenter, breitschultrig und groß spricht vor großem Publikum meist wie ein TV-Prediger. Als er jedoch Eric Schmidt ankündigt, scheint auch so etwas wie Respekt und Anerkennung in seiner Stimme mitzuschwingen. Merklich nimmt sich der Salesforce-Chef zurück.
Zwei Milliardäre sitzen sich da in Ledersesseln auf der Bühne gegenüber. Seit vielen Jahren kennt und schätzt man sich. Das Silicon Valley ist kleiner als es von außen scheint. Benioff auf der einen Seite, – Chef eines großen Unternehmens mit rund 5.500 Mitarbeitern weltweit, das hauptsächlich für Verkäufer-, Marketing- und Vertriebsleute Anwendungen in der Cloud anbietet, und auf der anderen Seite – Eric Schmidt, ein Urgestein des Silicon Valley, der bereits Chef von Sun Microsystems und Novell war, also der ganz klassischen, “alten” IT-Industrie, bevor er 2001 als CEO zu Google kam.
Zu Google sei er gekommen, meint Schmidt eingangs, weil das Leben schlicht zu kurz sei: “Man sollte immer mit Menschen zusammenarbeiten, die man mag.”

Schmidt wirkt entspannt und gelassen. Seit April 2011 steht er nicht mehr in direkter Verantwortung bei Google, er ist nicht mehr der CEO, sondern Chef des Verwaltungsrats, dem Aufsichtsgremium. Neben seiner Lehrtätigkeit an der benachbarten Stanford Universität, nimmt er seine Aufsichtstätigkeit offenbar sehr gerne wahr. Jedenfalls soll er sehr häufig in seinem Büro am Google Hauptquartier in Mountain View sein.
Die meiste Zeit hat er die Beine übereinander geschlagen. Das Gespräch der beiden plätschert dahin, Schmidt lobt Apple-Gründer Jobs als den vielleicht besten CEO der letzten 100 Jahre. Microsoft hingegen kritisiert er. Zwischen den Zeilen merkt man, dass seine Wertschätzung gegenüber Steve Ballmer nur wenig ausgeprägt scheint.
Schmidt vertritt die These, dass Tech-Unternehmen konstant an der Fortentwicklung ihrer Produkte arbeiten müssen. So wie dies Apple, Google aber auch Facebook praktizieren. Microsoft nicht. Über deren Angebot sagt Schmidt: “Microsoft denkt nicht von der Kundenseite”.
Richtig spannend wird es aber, als Benioff den ehemaligen Google Chef nach dem Zustand der amerikanischen Wirtschaft befragt. Schmidt nimmt kein Blatt vor den Mund und benennt die Probleme. So richtig scheint das die breite Masse im Saal aber nicht hören zu wollen. Immer wieder vernimmt man bei besonders kritischen Passagen ungläubiges Murren. Heute Abend ist die große Abschlussparty, das lange Labor Day Weekend steht bevor (Montag ist Feiertag in den USA), keiner will da schlechte Nachrichten hören. Auch nicht vom stets geschmeidig lächelnden Eric Schmidt.
Seit der Finanzkrise hat sich die wirtschaftliche Situation der USA noch weiter verschlechtert. Trotz eines billigen Dollars kommt das Land nicht aus der Rezession heraus. Die Arbeitslosigkeit verharrt bei neun Prozent (vgl. Deutschland: sieben Prozent). Kalifornien steht – trotz einer Beinahe-Insolvenz des Bundesstaates im Frühjahr – noch relativ gut da. Technologie und Hollywood sind hier die großen Export-Schlager. In den meisten anderen Bundesstaaten sieht es dagegen sehr viel trostloser aus.
Das große Problem der US-Wirtschaft ist, dass sie immer weniger selbst produziert. Es gibt eine gigantische Service-Industrie (O-Ton Schmidt: “Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ihre heutigen Kinder später eher im Gesundheitssektor arbeiten werden als im produzierenden Gewerbe”.)
In den USA werden zwar die Erfindungen gemacht, die Konstruktionspläne erstellt, gebaut und gefertigt wird aber meist in Fernost. “Ich nahm immer an”, sagt Schmidt, “dass die Arbeitskosten in China niedriger sind. Das ist aber ein Trugschluss”.
Obdachlose in San Francisco
Vergleiche man aber die Produktionsstätten großer internationaler Konzerne, stelle man fest, dass Fabriken in den USA keine so hohe Qualität produzierten wie Fabriken in der restlichen Welt. “Made in USA” ist schon lange kein Qualitätsmerkmal mehr. Im Gegenteil. Benioff will etwas provozieren und hakt nach: “Ist der 14jährige Arbeiter in China, der das iPad zusammenbaut, besser ausgebildet als der Arbeiter in den USA?”, fragt er Schmidt.
Er könne nur die Untersuchungsergebnisse zitieren, sagt Schmidt und zieht damit seinen Kopf wieder ein wenig aus der Schlinge, bleibt aber bei seiner Position: Amerika muss wieder zu einem Land werden, in dem Produkte hergestellt werden. Der Dollar ist niedrig, aber die Wettbewerbsfähigkeit stimmt hinten und vorne nicht. Wer auf dem weltpolitischen Parkett mitspielen will, muss auch wirtschaftlich wieder potent sein, appelliert Schmidt, der seit 2009 auch US-Präsident Obama in Technologiefragen berät.Nur nur auf den Gebieten der Luftfahrt, Unterhaltungsindustrie (“Hollywood”) und in der Techwelt (Online) sei man auf der Welt führend.
Eine Ursache des Niedergangs laut Schmidt: Die Bildungspolitik müsse dringend verändert werden. Viele der heutigen Jugendlichen in den USA würden vermutlich niemals in ihrem Leben einem richtigen Job nachgehen. Das Land benötige eine fachlich hochwertige Ausbildung.
Lob hingegen hat Schmidt für Deutschland übrig. Die damalige Bundesregierung (Große Koalition) habe klug auf die Finanzkrise reagiert. Gewerkschaften und Regierung hätten gleich zu Beginn an einem Strang gezogen und das Land dadurch wettbewerbsfähiger gemacht.
phu,
da haben wir deutschen ja alles richtig gemacht ;)
Schon seltsam was die anderen über einen denken… und was man über andere denkt