Kurzfristig dürfte ein möglicher Rückzug von Google aus China nur geringe wirtschaftliche Folgen für das kalifornische Suchmaschinen-Unternehmen haben. Die Analysten von JP Morgan schätzen, dass Google in diesem Jahr einen Umsatz von bis zu 600 Mio. US-Dollar in China machen dürfte. Zum Vergleich: Das chinesische Suchmaschinen-Unternehmen Baidu, das den chinesischen Markt dominiert und alle Zensur-Auflagen des Regimes brav erfüllt, soll in diesem Jahr rund 900 Millionen Dollar Einnahmen verbuchen. Aber selbst jene 600 Mio. US-Dollar sind, wenn man die Gesamteinnahmen von Google betrachtet, vergleichsweise gering; Analysten rechnen bei Google mit einem Umsatz von 26 Milliarden Dollar in diesem Jahr. Da würde ein Wegfall der Einnahmen aus China gerade mal zwei Prozent ausmachen. Auf lange Sicht jedoch könnte ein Fernbleiben vom chinesischen Markt - mit seinen 300 Millionen Online-Nutzern der größte Internetmarkt der Welt – schaden.
Die Erklärung von Google Justitiar David Drummond ist ungewöhnlich: Im Jahr 2006 startete Google mit seiner chinesischen Suchmaschine. Die Entscheidung, sich in diesem Land, in einer Diktatur, engagieren zu wollen, ist seinerzeit ja im vollen Bewusstsein um die massive Zensur und die fortwährenden Cyber-Attacken geschehen. Wer in China als westliches Unternehmen mitspielen will, muss sich dem Diktat der Machthaber beugen. Wie viele deutsche, europäische und amerikanische Unternehmen auch, hat sich Google diesen Regeln unterworfen. Fotos von Aufbegehren der Dissidentenbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 sucht man auf der chinesischen Google-Fotosuche ebenso vergeblich wie Bilder oder Texte des Dalai Lama.
Wer die Gepflogenheiten in China kennt und weiß, wie tief sich fast alle westlichen Unternehmen vor dem chinesischen Regime verbeugen müssen, um in diesem Land überhaupt Geschäfte machen zu dürfen, vermag die Sprengkraft des Google Statements zu erahnen. Sicher ist: Für Google wird es wohl kaum einen Weg zurück nach China geben. So deutliche Worte sind die Machthaber in Peking nicht gewohnt. Doch wer folgt auf Google? Wird Microsoft die Gunst der Stunde nutzen, und versuchen mit seiner Suchmaschine Bing auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen? In den nächsten Monaten sicherlich nicht. Nicht, nachdem sich jetzt sogar auch US-Außenministerin Clinton eingeschaltet und die Angelegenheit zum Politikum gemacht hat.
Der Applaus für Google ist sehr groß. Angesichts eines drohenden Einnahmerückgangs von vermutlich zwei Prozent, ist die Rückzug finanziell wohl in jedem Fall zu verschmerzen. In anderen Ländern, allen voran in Europa, ist Google eine andere Marktmacht gewohnt. In China ist man “nur” Nummer 2. Ungewöhnlich für die Kalifornier. Und das vermutlich auf ewig – zumindest solange, wie das Land nicht demokratisch regiert wird und Unternehmen nicht wirklich frei agieren können. Google hat sich ein weiteres Wachstum in China verbaut: Manch Informatiker wird es sich zweimal überlegen, ob er im chinesischen Google-Büro anheuert. Aber auch die Werbekunden werden wohl deutlich weniger bei einem Unternehmen Anzeigen buchen, das sich auf dem Rückzug befindet. Ganz zu schweigen, was die Google-Angestellten in Peking denken mögen, die sich vermutlich bald neue Jobs suchen können.
Viele Kommentatoren vermuten hinter der Rückzugs-Erklärung deshalb noch ein anderes Kalkül: In den vergangenen Monaten musste das Unternehmen vermehrt Kritik ob seiner Marktmacht einstecken. Der China-Rückzug könnte, so die Vermutung, ein kluger PR-Schachzug sein, um die Kritiker, die in den USA und Europa immer lauter werden, zu besänftigen. Getreu dem Unternehmensmotto: We are not evil.
[...] This post was mentioned on Twitter by Marcus Schuler, Inge Seibel and Eric Kubitz, Michael v. Seydlitz. Michael v. Seydlitz said: Marcus Schuler: Alles nur PR-Strategie oder hat Google wirklich genug von China? http://bit.ly/7WQ3Zv [...]